inter:esse – Junge Stimmen für die Demokratie
inter:esse ist eine Jugendredaktion, die jungen Menschen Raum gibt, ihre Perspektiven auf Demokratie, Kinderrechte und Mitbestimmung sichtbar zu machen. In Filmen, Texten und Bildern begleiten die Jugendlichen Projekte der kulturellen Jugendarbeit in NRW, stellen Fragen und bringen ihre eigenen Sichtweisen ein. So entsteht eine Plattform für junge Stimmen, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe.
Lest hier die aktuelle Kolumne zum Wortviertelfest:
Ein Fahrrad voller Geschichten
Ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Die Sonne strahlt über dem Dortmunder Westpark, vom Spielplatz her hört man Kindergelächter und auf den umliegenden Wiesen wird gegrillt, gespielt und in der Sonne gelegen. Zwischen den Bäumen flattern bunte Wimpelgirlanden im Wind. Unter ihnen haben sich kleine Stationen verteilt, darunter eine Tipi-Leseecke, eine Musik-Mitmachstation, eine Wortdusche und ein Bilderbuchkino.
Das WortViertelFest ist für einen Sonntagnachmittag im Westpark eingezogen.
Und mittendrin steht ein Lastenfahrrad. Allerdings kein „gewöhnliches“, welches Einkäufe transportiert oder Menschen zur Arbeit bringt. In seinem Gepäck: Bücher. Viele Bücher. Bilderbücher, Geschichten, kleine und große literarische Welten. Das bookbike der LAG Literatur NRW ist heute selbst zu Gast beim Fest.
Normalerweise ist es unterwegs. Es fährt durch Dortmund, Köln, Bielefeld, Bonn, Siegen, Hagen, Monheim und hält dort, wo Kinder ohnehin sind: an Spielplätzen, auf Plätzen, im öffentlichen Raum. Es bringt die Bücher dorthin, wo sie vielleicht nicht von selbst hinkommen würden. Heute steht es mitten auf einer Wiese.
Decken und Kissen laden zum Hinsetzen ein. Die Bücher liegen griffbereit daneben. Man darf stöbern, blättern, lesen, zuhören. Man darf bleiben. Oder weitergehen.
Gerade hat sich eine Mutter mit ihrem Kind auf einer Decke niedergelassen. Sie sind in ein Buch vertieft und sitzen dabei eng aneinandergeschmiegt. Um sie herum geht das Fest weiter. Kinder laufen über die Wiese, irgendwo wird Musik gemacht, Stimmen vermischen sich mit Lachen. Doch auf der Decke scheint die Zeit für einen Moment langsamer zu werden. Ein Buch wird aufgeschlagen. Eine Seite umgeblättert. Noch eine.
Ich frage mich: Was macht diesen Ort eigentlich so besonders?
Vielleicht ist es genau das, was hier nicht passiert.
Niemand sagt den Kindern, welches Buch sie lesen sollen. Niemand verlangt, dass sie eine bestimmte Geschichte zu Ende lesen. Niemand fragt, wie viele Seiten sie geschafft haben.
Sie dürfen selbst entscheiden. Und genau darin steckt das Kinderrecht auf Selbstbestimmung.
Das Prinzip des bookbike ist dabei ebenso einfach wie genial: Wenn die Kinder nicht zu den Büchern kommen, kommen die Bücher zu den Kindern. Literatur wird nicht zur Aufgabe, sondern zum Angebot. Wer neugierig ist, darf sich ein Buch nehmen. Wer lieber zuhört, darf zuhören. Wer nach zwei Minuten genug hat, darf gehen.
Lesen soll Spaß machen. Denn nur wenn aus Lesen etwas Eigenes wird, kann daraus vielleicht auch eine langfristige Begeisterung für Geschichten entstehen.
Als Psychologin muss ich bei so viel freiwilliger Motivation direkt an die Selbstbestimmungstheorie denken mit den drei psychologischen Grundbedürfnissen: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.
Beim bookbike steckt erstaunlich viel davon in einem Lastenrad voller Bücher.
Die Kinder können selbst aussuchen, was sie interessiert und wie lange sie dabei bleiben möchten. Sie können entdecken, dass sie eine Geschichte verstehen, ein Buch spannend finden oder vielleicht sogar selbst erzählen können. Und meistens sind sie dabei nicht allein: Rund um das bookbike wird gelesen, vorgelesen, gelacht und über Geschichten gesprochen.
Vielleicht braucht es für Motivation manchmal tatsächlich weniger, als wir denken.
Ein Buch. Eine Decke. Und die Freiheit, selbst zu entscheiden.
Aber auch die Bücher selbst erzählen eine Geschichte. Die Referent*innen überlegen genau, welche Bücher heute mitfahren. Was kam beim letzten Mal gut an? Welches Buch ist neu und darf zum ersten Mal mit auf die Reise? Und welches gehört inzwischen fast schon zum Inventar und würde vermisst werden, wäre es heute nicht dabei?
Die „Pizzakatze“ gehört offenbar zu den besonderen Lieblingen. Eine der beiden Referentinnen, die wir interviewen (die beide Susanne heißen), erzählt, dass Kinder die Geschichte einmal nicht nur gelesen, sondern gleich selbst nachgespielt haben. Während sie davon erzählt, muss sie sichtbar lächeln – und wir hinter der Kamera gleich mit.
So wird plötzlich aus einem Bilderbuch ein Theaterstück. Aus Leser*innen werden Schauspieler*innen. Aus einer Geschichte wird ihre eigene.
Vielleicht ist genau das Literaturvermittlung, wie sie schöner kaum sein könnte: Man gibt Kindern eine Geschichte – und lässt sie damit machen, was sie möchten.
„Gleich geht es los!“, ruft Franz vom Bilderbuchkino.
Ein paar Kinder, die sich schon um ihn versammelt haben, rücken begeistert näher und stimmen lautstark mit ein. Wieder entscheiden sie selbst, ob sie bleiben wollen. Und sie bleiben.
Während ich das beobachte, denke ich, dass vielleicht genau das das Besondere an diesem Projekt ist. Kinderrechte werden nicht nur vermittelt, sie werden erfahrbar.
In einem Kind, das selbst ein Buch auswählt.
In einer Mutter, die mit ihrem Kind auf einer Decke sitzt.
In einer Gruppe von Kindern, die gemeinsam über eine Geschichte lachen.
In einem Fahrrad, das Literatur dorthin bringt, wo Kinder sind.
Das bookbike ist deshalb mehr als eine Kinderbibliothek auf Rädern. Es ist ein mobiler Begegnungs- und Kulturort. Ein Ort, an dem Kinder Literatur entdecken können, ohne dass sie ihnen aufgedrängt wird. Ein Ort, an dem Bildung, kulturelle Teilhabe und Selbstbestimmung ganz selbstverständlich zusammenkommen.
Und während das bookbike an diesem Sonntagnachmittag mitten auf der Wiese steht, kommt mir plötzlich ein Gedanke: Warum eigentlich nur für Kinder?
Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn eines Tages auf unserem Dorfplatz ein solches Fahrrad auftauchen würde. Mit bunten Wimpeln, einer Decke im Gras und einem Haufen Bücher, die nur darauf warten, aufgeschlagen zu werden.
Vielleicht würde ich erst einmal neugierig durch die Reihen stöbern.
Vielleicht würde ich ein Buch nehmen, das ich noch nicht kenne.
Vielleicht würde ich mich einfach hinsetzen und ein bisschen bleiben.
Denn manchmal braucht es für eine kleine Reise keinen Zug und kein Flugzeug.
Manchmal reicht ein Fahrrad voller Geschichten.
Eine Kolumne von Hannah Mibes
Weitere Infos zur Jugendredaktion unter:
https://lkj-nrw.de/freiraum/






